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Betrachtet man heute den Borgstedter See, ein idyllisch zwischen baumbestandenen Ufern gelegenes Freizeitparadies, das Einheimischen wie auch Besuchern aus nah und fern zum Entspannen und wassersportlichen Aktivitäten einlädt, kann man sich sicher kaum vorstellen, dass dieses Gewässer in früheren Zeiten durchaus seine Tücken hatte.

„Der Name der Eider leitet sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit von Egidor (Fluttor, Schreckenstor) ab und spielt auf den germanischen Meerriesen Ægir an, der für Fluten und damit verbundene Schrecken verantwortlich gemacht wurde. Diese erste lateinische Erwähnung als Flumen Egidora legt diese Annahme nahe. Weitere Namen der Eider wie Egidorae fluminis (9. Jh. Reichsannalen), fluminis Eydori (12. Jh. Saxo Grammaticus), Eidera (1148 Urkunde Heinrich des Löwen) und Eydaer (1235 im Erdbuch König Waldemars II.) geben Aufschluss über die Herleitung zum heutigen Namen.“ [1]

Allein die Begriffe Flut- und Schreckenstor belegen, dass unsere Vorfahren keineswegs den Eindruck eines ruhig dahin mäandernden Flusses hatten. Betrachtet man die Ufer-Hänge des heutigen Verlaufs, kann man sich leicht vorstellen, dass es sicher Zeiten gab in denen sich die Eider als reißender Strom durch die Landschaft fraß und Überflutungen und Verwüstung hervorrief. Ebenfalls waren die Auswirkungen von Sturmfluten der Nordsee durchaus noch in unserer Gegend spürbar. Bekannt sind eher die friedlicheren Eigenschaften, als sicherer Siedlungsplatz und seichten Furten von der Jungsteinzeit bis ins späte Mittelalter. Diese sind aufgrund archäologischer Ausgrabungen gerade auf den Gebieten von Borgstedtfelde bis Büdelsdorf nachgewiesen.

„Mit dem Besitz an Grund und Boden unterschiedlicher Qualität, mit den im Zuge der Sesshaftigkeit angehäuften Vorräten, mit unterschiedlichem Haustierbestand und mit ersten eingeführten Luxusgütern wachsen – das darf man schließen – vermutlich auch Begehrlichkeiten. Man wird genötigt, sich gegen andere Menschen zu wehren. Ein großes Erdwerk bei Büdelsdorf, Kr. Rendsburg-Eckernförde, mit mehreren, zum Teil konzentrischen Gräben ist in seiner Funktion noch nicht restlos geklärt. Es könnte sich aber durchaus um eine Art Befestigung handeln.“ [2]

Dieses Erd- oder auch Grabenwerk am Ufer der Eider ähnelt sehr der Borgstedter Burganlage, ebenfalls am Eiderufer gelegen, welche allerdings wesentlich später, nämlich erst im Frühmittelalter, zur Wikingerzeit, geschaffen wurde. Möglicherweise lag es in der Nähe des heutigen Trichterbecherweges, das einen historischen Bezug zu der urzeitlichen Kultur herstellt. Die Trichterbecherkultur umfasst den Zeitraum der Jungsteinzeit und wird durch Ton- und Keramikgefäße verschiedener Größe mit trichterförmigen Einfüllöffnungen charakterisiert.

Büdelsdorf-Borgstedt Grabenwerk, nichtmegalithische und megalithische Grabbauten einer trichterbecherzeitlichen Kernregion

Auf einem Geländesporn am nördlichen Steilufer der Eider, im südlichen Teil der Ortschaft Büdelsdorf, Kreis Rendsburg-Eckernförde, liegt dasGrabenwerk Büdelsdorf. Zum Zeitpunkt seiner Entdeckung  stellte es das bis dato einzig bekannte Grabenwerk der Trichterbecherkultur dar.

1968–1974 wurden 10.000?m² (20 %) der 4,5 ha großen Anlage vom Landesamt für Vor- und Frühgeschichte Schleswig-Holsteins ergraben. Hierbei kamen ein beeindruckendes mehrreihiges Grabensystem mit begleitenden Palisaden sowie zahlreiche Siedlungsspuren zum Vorschein.

Die komplexen archäologischen Kontexte der Eingangssituation sind in folgender Abbildung rekonstruiert. Der Pfeil markiert die Lage der Feuerstelle und des meterhohen Eichenpfostens.
Plan Franziska Hage, Am Ettersbach
In Büdelsdorf war ein Eingang zum Grabenwerk mit einem hohen Eichenpfosten markiert, vor dem ein Feuerplatz der rituellen Verbrennung u. a. von Getreide diente. Im Bereich der Palisaden sind weitere rechteckige Feuergruben zu erkennen. Das Graben- und Wallsystem bildete eine hochkomplexe rituelle Trennung zwischen einem Innen- und Außenbereich der ca. 10 Fußballplätze großen Anlage.
llustration Franziska Hage, Am Ettersbach

Um Defizite auszuräumen, die dem Notgrabungscharakter der älteren Kampagnen zuzuschulden sind, war eine Nachuntersuchung des Platzes nötig. Mit der Ausgrabung 2013 gelang es mithilfe datierender Proben und neuer Funde, Fragen zur zeitlichen Abfolge bzw. Einordnung der Graben- und Siedlungsphasen sowie zu Depositionsprozessen zu klären.

Das Grabenwerk Büdelsdorf lässt sich mithilfe der Befundinterpretation und der Analyse des keramischen Inventars als mehrphasige Anlage ansprechen, die im Laufe ihres Bestehens mehrfach eine Änderung des Nutzungscharakters erfuhr. Das bereits zum Ende des Frühneolithikums errichtete komplexe, rituelle Grabenwerk wurde nach nur sehr kurzem Bestehen wieder verfüllt. Hierauf folgte eine vermutlich profane mittelneolithische Siedlung, abgelöst von einem weiteren bis ins Jungneolithikum periodisch genutzten Grabenwerk. Tatsächlich waren die einzelnen Phasen auch zum nahen Megalithgrabfriedhof Borgstedt in Bezug zu setzen.

Im Gesamtergebnis ist die Bildung einer Kulturlandschaft 3900 bis 3600 v. Chr. mit der Errichtung des Grabenwerkes und erster nicht-megalithischer und megalithischer Rund- und Langhügel im nahen Borgstedt nachzuvollziehen. Um 3350 v.?Chr. unterbrach eine Siedlung für mehrere Generationen das rituelle Füllen und Ausgraben der Gräben in Büdelsdorf.

Hier bestanden wohl ca. 40–50 Langhäuser gleichzeitig – eines der ersten Dörfer in Norddeutschland und Skandinavien. Ab 3250 v. Chr., nachdem das Dorf aufgrund einer landwirtschaftlich bedingten Verarmung der Ackerflächen wieder verlassen wurde, begann erneut der monumentale Ausbau des Grabenwerkes, das bis ca. 3000 v. Chr. intensiver Nutzung unterlag. Um 2800 v. Chr. ruhte auch das Gräberfeld Borgstedt für ca. 500 Jahre.

Büdelsdorf lag an einem Knotenpunkt der Kommunikation: Während des Neolithikums war hier die südliche kimbrische Halbinsel am schmalsten und der Übergang von der Nord- zur Ostsee am einfachsten. Die Lage in der Nähe des späteren Ochsenweges ist ebenfalls auffällig. Dementsprechend überrascht es nicht, in dieser landschaftlichen Situation eine Kleinregion vorzufinden, in der mit Grabenwerk und Friedhof eine über Generationen bewahrte rituelle Landschaft geschaffen wurde, die den umliegenden Gemeinschaften als Fixpunkt diente. Im Grabenwerk selbst ließ sich die hohe Bedeutung von Feuerplätzen für die rituellen Handlungen nachweisen. Das Innere war leer, mit Ausnahme der angesprochenen Siedlungsphase, die Eingänge kennzeichneten z.?T. meterhohe Eichenpfosten. Hier bestand, z. B. auch mit der Opferung von Getreide, ein Bezug zur Ernährungswirtschaft. U.?a. Votivgaben und Opferungen von Trichterbecher-Gefäßen hinterließen reichhaltiges Fundmaterial für die Archäologie.

 

 

Literatur

W. Bauch, Erdwerk und Megalithgräber der Trichterbecherkultur von

Büdelsdorf, Kr. Rendsburg-Eckernförde. Archäologie in

Schleswig/Arkaeologi i Slesvig, 1993, 13–15.

I. Feeser, W. Dörfler und F.-R. Averdieck, Palynologische

Untersuchungen im Umfeld der Fundstelle Büdelsdorf LA 1. In: F. Hage

(Hrsg.), Büdelsdorf/Borgstedt: eine trichterbecherzeitliche Kleinregion

– Siedlung, Grabenwerk, nichtmegalithische und megalithische Grabanlagen (Bonn 2016) 204–220.

F. Hage, Büdelsdorf/Borgstedt: eine trichterbecherzeitliche

Kleinregion – Siedlung, Grabenwerk, nichtmegalithische und megalithische

Grabanlagen. Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung (Bonn 2016).

J. Müller, Social memories and site biographies: construction and

perception in non-literate societies. Analecta Praehistorica Leidensia

49, 2018, 9–17.“ [3]

 

[1] Wikipedia, Eider

[2] Geschichte Schleswig-Holsteins, Jann Markus Witt/Heiko Vosgerau (Hg.), Boyens-Buchverlag, Heide, 2010, Seite 16

[3] Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH), Schleswig

Archäologische Nachrichten 2020 digital,

Autoren: Johannes Müller, Franziska Hage,

Zeitliche Einordnung: Neolithikum

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