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Aus der vorgeschichtlichen Zeit existieren zwar keinerlei schriftliche Aufzeichnungen über unser Gebiet, aber das bedeutet keineswegs, daß wir über keinerlei Informationen aus Vorzeit verfügen. Die vorhandenen Informationen darüber sind lediglich anders geartet und verschlüsselt in Form von Bruchstücken von Gebrauchsgegenständen, Handwerkzeugen, Waffen, Grabbeilagen, Skeletten, Stoffresten. Sie sagen uns heute, wer wann wo und unter welchen Umständen an der betreffenden Fundstelle gelebt haben mag.

Damals[1] entwickelten sich über Skandinavien mehrfach große bis zu 3000 Meter hohe Inland-Eismassen, Gletscher, die sich weit in den Süden bis in unser Gebiet und darüber hinaus vorschoben.  Die Gletscher schoben wie ein Bulldozer den Boden auf. Deren Stauchfalten, die Hüttener- und Duvenstedter Berge, blieben bis heute sichtbar. Der Gletscher mag hier nur noch etwa 300 Meter hoch den Boden bedeckt haben, er war aber sehr viel höher als die Rader Hochbrücke. Das Schmelzwasser der Wittensee-Eis-Zunge wird vermutlich durch eine Senke, die heutige Schirnauer Au, zur Eider geflossen sein.

Um 15 000 v.C. begann es bei uns langsam wärmer zu werden. Die Gletscher fingen an zu schmelzen und der Rand des Eises wich langsam aber stetig nach Norden zurück. Es war damals, gemessen an unseren heutigen Klimavorstellungen, sehr kalt und unwirtlich in unserer Gegend. Die Menschen dieser Zeit hinterließen uns ihr Handwerkzeug. Es war kunstvoll und kenntnisreich aus Stein gearbeitet. Damit begann die erste Phase der Menschheitsgeschichte bei uns.

Als die Gletscher etwa auf der Höhe des heutigen Rendsburg zum Stehen gekommen waren, müssen in diesem Raum Menschen bereits gewohnt oder sich zumindest aufgehalten haben. Zahlreiche Funde in der näheren Umgebung weisen darauf hin. Ein Fundgebiet lag am Klint bei Rendsburg. Heute überquert an dieser Stelle die E 3 über die Brücke den Fluß. Man darf daraus schließen, daß auch damals hier eine Furt durch die Eider führte, und Menschen auf den hohen Eiderufer lebten. Dieser Eiderübergang ist uralt, denn hier führte der alte Heer- oder Ochsenweg, der aus dem Norden kam, über den Fluß. Wenn die Ebbe den Wasserspiegel des Flusses absenkte, war eine Durchquerung der Eider gegeben. Neben diesem ältesten bekannten Übergang an der Eider beim Klint bildete sich wahrscheinlich später ein zweiter Übergang über eine Insel, die inmitten des Flusses lag und es erlaubte, den Fluß in zwei Etappen zu überschreiten. Dieser Übergang dürfte dann allmählich der wichtigste Eiderübergang geworden sein. Rendsburg wuchs später um die Burg auf jener Eider-Insel. Etwa um die gleiche Zeit bildete sich dann weiter östlich, bei Borgstedt, noch ein weiterer, ein dritter Übergang. Außer an diesen drei dicht nebeneinander liegenden Eiderübergängen war es wohl in alter Zeit unmöglich, den Fluß zu queren. Weiter westlich waren die breiten Ufer zum größte Teil zu morastig, weiter östlich verhinderten die breiten Eiderseen einen Übergang[2].

Das Jagdwild könnte unsere Vorfahren auf die Eiderfurt unserer Gegend aufmerksam gemacht haben.

In der Zeit von 8.000 – 3.000 v. C. trat eine weitere leichte Erwärmung des Klimas ein. Die Eisreste schmolzen weiter ab. Das Klima wurde noch wärmer und trockener. Die Temperaturen stiegen im Sommer auf 10-15° Celsius an, doch die Winter blieben nach wie vor hart. Offene und lichte Wälder bestimmen die Landschaft. Der Mensch behielt jedoch unabhängig vom Klima seine Lebensgewohnheiten bei.Der Siedler zogen sich auf trockenere, aber sandigere und magerere Flächen zurück. Hier gedieh der geringere Ansprüche an die Bodenqualität stellende Roggen. Diese Bedingung traf auch auf jenes Gebiet zu, aus dem das Dorf Borgstedt später hervorgegangen sein könnte. Der Platz lag hoch und trocken, außerdem an einer Furt. Das waren, wie wir heute sagen, besonders wichtige Standortvorteile, die nur noch Büdelsdorf und damals vielleicht noch Rendsburg wegen der Furt bieten konnten, vom Binnenland einmal abgesehen. Bei der Entstehung der ersten Siedlung, aus der später unser Dorf hervorging, müssen einige weitere topographische Fakten für die Menschen so überzeugend gewesen sein, daß sich an dieser Stelle niederließen. In ost-westlicher Richtung teilte die Eider das Land; in nord-südlicher Richtung erstreckte sich der Geestrücken, auf dem schon Wege verliefen und auf eine Halbinsel zuliefen, die in den Flußlauf ragte. Hier konnte man den Fluß überqueren, der bei Ebbe etwa nur 3 Fuß tief war. Dieser Kreuzungspunkt von Wasser- und Landweg war ein günstiger Siedlungsplatz, den zu befestigen sich lohnte. An dieser Stelle entstand wahrscheinlich ein befestigter Wohnplatz.

Während der Bronzezeit, etwa 1800 bis 800 v, Chr. tritt neben der Bestattung der Toten in großen Steingräbern. anscheinend unvermittelt eine andere Form der Bestattung auf: Die Toten werden verbrannt und seine Asche in einer Urne beigesetzt. Die Gründe dafür blieben unbekannt. Möglicherweise sind religiöse Anschauungen dafür entscheidend gewesen. Ein weiteres bemerkenswertes Zeugnis dieser Zeit findet sich auf dem Naeveschen Anwesen in Borgstedtfelde (Runenstein). Es ist ein Stein, der als archäologische Zeuge des damaligen Sonnenkultes[3] betrachtet werden. Das mehrspeichige Radsymbol auf dem Stein soll eine verfremdetet Darstellung der Sonnenscheibe sein.

Im Bereich von Borgstedt[4] und Borgstedtfelde sind Spuren aus allen Perioden der Steinzeit, der Bronzezeit wie aus der Eisenzeit gefunden worden.

Die Verbrennung der Leichen und die Urnenbestattung werden beibehalten. Die individuellen Grabstätten kennzeichneten unsere Vorfahren mit äußeren Zeichen, damit sie wußten, wo ihre Angehörigen ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Aus den jüngeren Perioden der vorgeschichtlichen Eisenzeit ist besonders der Friedhof aus der Völkerwanderungszeit von Borgstedt (Urne mit Verzierungen) zu nennen, in dem vielfältige und enge Beziehungen zu ähnlichen Friedhöfen in Süd-England festgestellt wurden.

Genau wie einst in Borgstedt stand auch im Uferbereich des heutigen Büdelsdorf, dort wo sich heute die Hollerschen Anlagen befinden, eine befestigte Siedlung. Auf dem Gelände[5] auf dem heute die Gebäude der MobilCom stehen, auf ehemals Borgstedter Gemeindegebiet,  lag ein Gräberfeld (Nekropole) von elf Megalithgräbern.

Die erste Kunde von den Urnengräbern erhielt das Museum (das spätere Archäologische Landesamt) durch Lehrer Steinbock aus Borgstedt im Mai 1876. Steinbock wurde von der Museumsleitung mit der Ausgrabung betraut. Er ging dabei zwar mit Umsicht und Sorgfalt zu Werke, aber nach heutigen Anforderungen nicht systematisch genug vor. Die Urnengräber lagen auf einer Koppel des Bauern Jacob Lensch, nahe der Landstrasse von Rendsburg nach Eckernförde, am Abhange eines Grabhügels, über den jetzt ein Knick führt, der die Grenze zwischen den Ländereien von Jacob Lensch und damals Jürgen Sieck bildete. Von dem Inhalte des Hügels weiß man, daß er eine Steinschüttung enthalten hat, dessen Gipfel 4 bis 5 m jenseits des Walles lag. An einigen Stellen standen die Urnen so dicht, „daß man kaum eine Messerklinge dazwischen stecken konnte,“ an anderen Stellen in Abständen bis zu 0.5 Metern. Von den nach Hunderten zählenden Urnen, Steinbock schätzte die Anzahl auf 800 bis 1000, sind für das Kieler Museum nur 154 gerettet. Sie sind teilweise aus Scherben aufgebaut. Eine der Urnen ist besonders erwähnenswert. Sie erhielt wegen der dort abgebildeten Figuren von Mensch und Tier den Namen „Der Mann von Borgstedtfelde“ Die Urne befindet sich in der Sammlung auf Schloß Gottorf. Der Fundort Borgstedtfelde zeigt wie eine Speerspitze auf die Eiderübergänge bei Rendsburg hin. 1890 begann Lehrer Steinbock hier mit Ausgrabungen, die Lehrer Wulf 1922 fortsetzte. Der Belegungsbeginn des Urnenfriedhofs wird auf 300 n.C. angenommen und dessen Ende reichte in die Völkerwanderungszeit hinein. Die Funde deuten darauf hin, daß der Siedlungsplatz „Borgstedt“ bis in diese Zeit bewohnt war. Die Urnenfunden lassen einen annähernden Rückschluß auf die Anzahl der Bewohner[6] dieser Siedlung schließen; sie dürfte anfangs bei 100 bis 150 Bewohnern später erheblich darüber gelegen haben.

Die Zeitenwende (römische Kaiserzeit)

Die Eisenzeit endet mit der Expansion des Römischen Imperiums um die Zeit des Kaiser Augustus. Damit verlassen wir auch das Zeitalter der Vorgeschichte. Aus dieser Zeit besitzen wir als einzige Quelle der Überlieferung über das Leben unserer Vorfahren das, was uns die Geologie, Archäologie, Botanik und andere Wissenschaften mit ihren fachübergreifenden Analysen zu erbringen vermochten. Ab jetzt beginnt das geschichtliche Zeitalter. Seit dieser Zeit verfügen wir erstmals über schriftliche Überlieferungen aus unserem Bereich. Diese Tatsache darf nicht so verstanden werden, daß unsere Vorfahren zwischenzeitlich das Lesen und Schreiben erfunden hätten, um uns über ihren Lebensweise zu berichten. Keinesfalls. Aber andere Völker verstanden sich damals auf diese Kunst. Hier sind die Römer Cäsar und Tacitus[7] zu nennen. Beide sind sie Geschichtsschreiber und Staatsmänner. Es ist eine schriftlich überlieferte Beschreibung des Lebens u.a. im nördlichen Germanien und stammt aus der Zeit, als Kaiser Augustus in Rom herrschte, also zu Beginn unserer Zeitrechnung, weitere 600 Jahre zurück. Die Beschreibung stammt von einem Römer, Tacitus, er war ein hoher Staatsbeamter im kaiserlichen Rom und schrieb alles auf, was er über die Germanen erfahren konnte:

Der Norden war vor allem durch die Auswanderung der Cimbern und Teutonen um 400 n. Chr. in das Blickfeld der Römer getreten. Tacitus nennt in seinem Buch “Germania“ eine Reihe von Völkerschaften, die ihre Wohnsitze nördlich der Elbe hatten: Die Reudigner, Avionen, Anglier, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithonen. Doch nur die Anglier (Angeln) können wir in dieser Aufzählung identifizieren. Tacitus erklärt, daß alle diese Stämme „durch Flüsse oder Wälder geschützt sind“, so gilt das sicher auch für unser Gebiet.

175 n. Chr. wurden das westliche Vorland der Endmoränen der Hüttener und Duvenstedter Berge, d.h. die leichte und sandigen Böden besiedelt, wenn auch nur bis zum Beginn der Völkerwanderung. Die eigentliche Völkerwanderung wurde ausgelöst durch den Vorstoß der Hunnen nach Europa. Das Gebiet zwischen Schlei und Eider war ursprünglich dicht besiedelt. Auch aus dem Gebiet um Borgstedt herum wird vermutlich ebenfalls ein großer Teil der Bevölkerung fortgezogen sein. Ob das Dorf jedoch gänzlich verlassen worden ist, darf bezweifelt werden, denn eine Karte der Besiedlungsdichte aus jener Zeit weist erst das Gebiet südlich der Eider als „unbewohnt“ aus. Mit Sicherheit gab es in unserem Gebiet überall, aber sehr verstreut liegend einige, wenn auch bescheidene Siedlungsplätze. Die wenigen, die nach der Auswanderung zurückblieben, wohl auch in Borgstedt - wohl vor allem ältere Menschen -, waren nicht in der Lage, alles Land weiterhin zu bebauen. Es verödete nach und nach und bedeckte sich wieder mit Wald. Bodenuntersuchungen haben das ganz klar erwiesen. Über die folgenden Jahrhunderte nach der Völkerwanderung wissen wir über unser Gebiet wenig. Das Land muß nach der Auswanderung der Angeln und Sachsen fast menschenleer geworden sein.

Auch der Bereich um Hütten ist nach der Völkerwanderung so gut wie unbewohnt. Über das Alt-Kreisgebiet breitete sich die Ruhe eines fast undurchdringlichen Waldes aus, des sogenannten Eisenwaldes, der nur von einzelnen Streusiedlungen unterbrochen wurde.

Eine zahlreichere Bevölkerung treffen wir erst wieder im 9. Jahrhundert, mit Beginn der Wikingerzeit. Damals entstand das Danewerk als Grenzwall gegen Süden. Haithabu blühte auf. Damit nähern wir uns bereits der geschichtlichen Zeit, in der wir nicht mehr darauf angewiesen sind, die Geschichte unseres  Landes allein aus Bodenfunden zu rekonstruieren.

Die Völkerwanderung veränderte das Gesicht des spätantiken Europa grundlegend. Die germanischen Stämme verlagerten sich nach Westen und Süden, und in den dadurch frei werdenden Raum in Mittel- und Osteuropa drängten slawische Völker nach. Aber erst um 700 wanderten von Osten kommend in das immer noch spärlich besiedelte Land slawische Stämme ein. Sie blieben zunächst in Ostholstein. Wir bezeichnen sie meistens als Wenden. In unser Gebiet kamen sie nicht, denn keiner der Ortsnamen deutet auf eine slawische Besiedlung hin.

Von Norden kamen die Dänen [8] vom Stamme der Jüten, von Süden holsteinische Sachsen. An der Eider trafen sie sich. Der früheste schriftliche Hinweis auf die Besiedlung des Landes datiert aus dem Jahre 1231. Man findet ihn im Erdbuch (Grundbuch) des Dänenkönigs Waldemars II. Dort erscheint als deutsches Landmaß die Hufe, während im dänischen nach „Bo“ oder „Pflügen“ gemessen wird. Beide Bezeichnungen werden bei uns nebeneinander verwendet. Über 300 Jahre sollte Dänemark bis an die Eider und die Levensau reichen. Der Grenzverlauf wurde 1225 erstmals schriftlich festgehalten.

In der Zeit vom 6. bis in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts findet man in unserem Gebiet kaum Siedlungsspuren. Das dürfte immer noch die Folge der Auswanderung der Angeln und Sachsen sein.

Eine wenn auch vage Möglichkeit, die Besiedlung zu datieren besteht in der Deutung der Ortsnamen. Die „stedt-Namen“ deuten auf Orte hin, die schon vor 1000 Jahren bestanden haben. Ob mit der Völkerwanderung auch der Siedlungsplatz Borgstedt völlig verwaiste darf bezweifelt werden. Erst ab dem 6. bis 9. Jahrhundert treffen wir hier eine zahlreichere Bevölkerung. Dazu bot dieser Platz zu viele Vorteile. Der Platz lag außerdem noch an einer Furt auf einer Halbinsel, die in die Eider ragte. Sie schirmte so die Siedlung nach Süden ab. Des weiteren umgab im Norden ein Ring von Mooren die Siedlung wie ein Schutzwall. Diese Naturfestung ließ sich - und wurde es auch - zusätzlich befestigt: Daraus entstand eine Stätte mit einer Burg, Burg-stätte, Borch-stede, Borgstedt. An dem so ermittelten Platz, jener heute kaum noch erkennbaren Halbinsel, sollen sogar noch Überreste von Ziegelsteinen gefunden worden sein.

Diese Anmerkung allerdings deutet darauf hin, daß die Burganlage im Laufe der Zeit jeweiligen baulich den Erfordernissen angepaßt wurde und sehr lange bestanden haben kann. Diese Feststellung stimmt mit einer Aussage[9] überein, nach der diese Burg bis in das 17. Jahrhundert hinein bestanden haben soll.

Danach begann man mit dem Bau des Eiderkanals, der eine Begradigung der Ufer der Obereiderseen von Rendsburg bis Schirnau erforderte[10]. Später, mit dem Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals, folgten weitere Begradigungen des Ufers.  Beide Baumaßnahmen halbierten die aus der Vahrendorfschen Karte so deutlich in den Eiderlauf hineinragende eckige Halbinsel etwa um die Hälfte.

Möglicherweise liegen noch Burgreste von den Kanalbauten unbehelligt in der Erde an ihrem Platz.Groß und mächtig wird sie nicht gewesen sein  und die ursprünglichen Baumaterialien werden wohl kaum die Jahrhunderte überdauert haben. Aber ihr Name überdauerte die Zeit. Das alles sind schon recht wahrscheinliche Angaben über den Anfang des Dorfes. Richtet man den Blick über den Anfang der Dorfgründung weiter zurück, so beginnen die Fäden der Geschichte immer dünner zu werden.

Der nächste Anhaltspunkt für eine Ansiedlung liegt etwa 600 Jahre weiter zurück. Um 300.n Chr. datiert man den Urnenfriedhof in Borgstedtfelde. Bereits damals war die Gegend bewohnt, lebten Siedler wahrscheinlich an dem Platz an der Eider, der durchaus schon befestigt gewesen sein kann.

Beschließen wir an dieser Stelle vorübergehend die Zeitreise in die Vergangenheit. Verläßlich scheint eine Dorfgründung ab etwa 900 n.C. zu sein. Seit dieser Zeit war der Platz an der Eider ununterbrochen bewohnt.

Die Ringburg am Eiderufer

Von dem ehemaligen Bollwerk, am Treidelweg, aus gesehen könnte der Anblick der Burg noch eindrucksvoller gewesen sein als aus der Vogelperspektive.

Wenige Kilometer eiderabwärts entfernt stand noch eine Burg, die „Rendesborch“, sie erbaute man erst viel später.

Das ganze Umfeld der Gemarkung Borgstedts gab im Laufe der Zeit eine Fülle von Fundstücken frei, die auf eine nahezu ständige Besiedlung der Gemarkung hinweisen. Diese Tatsache darf nicht ohne weiteres zu der Schlußfolgerung führen, daß das Gebiet nach der Auswanderung der Angeln und Sachsen vollständig entvölkert geblieben ist.

Als gesichert ist jedoch anzunehmen, daß unser Gebiet bereits seit Tausenden von Jahren unterschiedlich dicht bewohnt war. Aus den bisherigen Urnenfunden in Borgstedtfelde um 300 bis 500 auf eine Siedlungsverdichtung im Form eines Dorfes bleibt vage. Sicher scheint, daß nach der Auswanderung, wie bereits erwähnt, die Dorfbevölkerung stark abgenommen haben hat. Doch darf man annehmen, daß mit Sicherheit zur Wikingerzeit, etwa um 900 eine Dorfgründung zu vermuten ist, also weit vor der ersten schriftlichen Erwähnung des Dorfes im Jahre 1339.

Aus dem Namensursprung darf man sogar vermuten, daß das Dorf bereits zur Zeit des römischen Kaisers Augustus als Ansiedlung bestanden hat.

Die Borgstedter Enge, im Vordergrund die Straße zur Rader Insel

Das 9. Jahrhundert (Wikingerzeit)

Nach einer Jahrhunderte andauernden Ruhe kommt um die Wende zum 9. Jahrhundert politisch verursachte Unruhe in unser Gebiet. Zwei europäische Reiche beginnen sich auszudehnen, der Karolinger Karl und spätere Karl der Große im Süden und der Wikingerkönig und spätere erste Dänenkönig Göttrik im Norden. Die Dänen, die ursprünglich im Süden Skandinaviens lebten, eroberten im 5. und 6. Jahrhundert Jütland, die benachbarten Ostsee-Inseln. Göttrik brachte die zahlreichen Wikingerfürsten dazu, ihn als König anzuerkennen und seinem Ziel, ein Großreich aufzubauen, zu folgen. Göttrik war der erste König der Dänen.

Das Reich Karls des Großen, ungleich größer als das des dänischen Königs Göttrik, erstreckte sich von den Pyrenäen bis zur Nordsee und vom Atlantik im Westen bis in das heutige Ungarn im Osten. Er ging zielstrebig daran, seine Staatsidee zu verwirklichen, das Christentum in den  Norden zu bringen und  sein Reich ebenfalls auszudehnen. Karl der Große beschloß, die Nordgrenze seines Imperiums auszudehnen und die dort ansässigen „Heiden“ (Holsten, Sachsen, Stormarn, Dithmarscher, Wagrier) zu christianisieren. Zu diesem Zweck schloß er mit den Wenden ein Bündnis, um den letzten Widerstand der Sachsen nördlich der Elbe zu brechen. Nach seinem endgültigen Sieg über die Sachsen überließ er den Wenden große Teile Holsteins. Einige Jahre später, um 810 n.Chr. wurden sie aller­dings wieder auf ihre alten Gebiete in Ostholstein zurückgedrängt, und der Sachsenwall entstand als Grenzlinie zwischen Sachsen (Holsten, Stormaren) einerseits und den Wenden andererseits.

Das Owschlager Gebiet[11] wird bei dem Gerangel der beiden Großmächte zum Durchgangsland für dänische, fränkische und sächsische Heere in Richtung Norden. Auf der Gegenseite dringt Göttrik auf dem alten Weg vom Selker Moor über Brekendorf zur Eider nach Süden vor, die er wahrscheinlich bei Borgstedt in Richtung Rade überschritt. Unser Bereich gehört somit zum politischen Niemandsland und ist somit gleichzeitig Kampfgebiet.

Das Gebiet zwischen Eider und Schlei wird zum Aufmarschgebiet beider Großmächte. Göttrik beobachtete sehr genau, was der Frankenherrscher trieb. Sobald Göttrik die fränkische Bedrohung spürte, handelte er schnell entschlossen und besetzte das Land bis zur Eider. Karl reagierte prompt. Er befestigte den südlichen Bereich der Eider durch einer Burg in der Nähe von Itzehoe. Doch die militärisch gespannte Lage blieb erhalten.

Im Jahre 804 schien sich eine große Konfrontation beider Reiche anzubahnen als der dänische König Göttrik mit seiner Reiterei und Seiner Flotte in Schleswig erschien, das im Grenzgebiet zwischen seinem Reich und dem der Sachsen lag, die Karl der Große vorher unterworfen hatte. Göttrik sah darin eine Bedrohung seines Reiches und ließ etwa 808 das schon vorhandene Danewerk[12] zum Schutz von Jütland gegen Angriffe und Invasionen aus dem Süden verstärken. Denn die Spannungen zwischen dem Frankenreich und den Dänen waren offensichtlich. Zu direkten Verhandlungen zwischen den beiden Herrschern kam es damals nicht, auch blieb die von Göttrik befürchtet Konfrontation mit dem Frankenkaiser blieb ebenfalls aus.

Göttriks Wikingerzüge reichten oft, wenn auch nur kurz, in das fränkische Gebiet hinein. Als eine spätere Zusammenkunft der beiden  Könige in dem heutigen Bardenfleth in der Absicht, über die Grenzfrage zu verhandeln, ergebnislos verlief, besetzte Karl daraufhin das Land bis zur Eider.

Göttrik fiel bald auf einem Kriegszug gegen die Friesen und sein Nachfolger Hemming sucht seinerseits bei Karl um Frieden nach. Beide trafen sich 811, wie damals üblich, an der Grenze ihrer Herrschaftsbereiche, an einem nicht namentlich bekannten Ort[13] an der Eider. Da dafür nur wenige Stellen am Fluß mit einer Furt in Frage kamen, darf man davon ausgehen, daß möglicherweise die Borgstedter die Ausrichter dieses Gipfeltreffens waren. Zwölf Franken und ebenso viele Dänen verhandelten über den Grenzverlauf. Das Verhandlungsergebnis wurde schriftlich und von den jeweils zwölf Zeugen jeder Partei beeidigt. Damit war die Eider die Grenze zwischen beiden Herrschaftsbereichen festgelegt aber unser Gebiet erfährt dennoch eine doppelte Zuordnung: politisch gehört es zu Dänemark mit der Eider als Grenze aber militärisch zum Frankenland mit dem Danewerk als Grenze. Es blieb dadurch so etwas wie ein Niemandsland, was auch niemanden sonderlich störte, denn es blieb lange Zeit siedlungsarm von seinen dichten, zusammenhängenden Wäldern geschützt. Allerdings führten durch das Gebiet schon zu karolingischer Zeit vielbefahrenen Durchgangsstraßen, von Jütland über Rendsburg nach Süden.

Das Mittelalter

Insgesamt bewahrte die Landschaft zwischen Schlei, Kieler Förde und dem Oberlauf der Eider bis in das 11. Jahrhundert hinein ihren Charakter als weitgehend geschlossenes Waldgebiet. In diesem Gebiet lagen vermutlich Streusiedlungen[14] der Jüten und schwedischer Wikinger, die sich in der Zeit um 900 im Schleigebiet als Kolonisten betätigten.

Die Fundstellen dieser Besiedlung sind spärlich gesät. So gibt es aus dem 9. und 10. Jahrhundert einige Einzelstücke (Gräber) u.a. aus Borgstedt.[15]

Die Siedlungen, wenn auch für unsere Verhältnisse nahezu unzugänglich im Wald lagen, hielten dennoch Kontakt miteinander, trieben Handel.

Es gab zu dieser Zeit zwar schon von Pferden gezogene Wagen, aber bei den schlechten Wegverhältnissen waren diese Transportmittel nur begrenzt einsetzbar. Daher erfolgte der gesamte Ferntransport auf dem Wasserwege. Somit waren alle Flußläufe, so auch die Eider, ganz wichtige Transportstraßen.

Als Zahlungsmittel waren vom König geprägte Münzen in Umlauf. Das Geld wurde auf besonderen Waagen abgewogen. Währungsmetall war Silber, das in entsprechender Menge von einer Stange abgehackt wurde. Der Tauschhandel war nur noch in bescheidenem Umfang üblich.

Mit Karl dem Großen setzte in unserer Gegend auch die Christianisierung ein. Sie ging von Haithabu aus und erreichte später ganz Skandinavien. In diesen Zusammenhang ist der Mönch Ansgar zu nennen.

Nach 900 n.Chr. setzte zunächst noch zögernd, dann aber gezielt seit etwa 1100 n.Chr. der vorletzte umwälzende Besiedlungsvorgang unseres Gebietes ein. Diesmal erfolgt er aus dem Norden durch die Jüten und einhundert Jahre später aus dem Süden durch die Holsten und Niedersachsen. In der Mitte unseres Alt-Kreises trafen beide zusammen, an der Eider, bei uns.

Mit dem Jahr 1025 entstanden gleichzeitig im „Land zwischen Schlei und Eider“ zahlreiche dänische Krongüter. Sie dienten dem Aufbau einer neuen Verwaltungsstruktur, bei der einzelne Königshöfe als herrschaftliche Stützpunkte dienten. Das mit einer Burg befestigte Rendsburg war so ein Krongut, zu dem auch Borgstedt gehörte. Eine Einteilung des Landes in Harden nach dänischem Muster fehlte damals bei uns noch.

Die Rendsburger Burg sorgte in erster Linie für den Grenzschutz. Aber auch die Bewohner der zum Amt gehörenden Bewohnern aus der Umgebung stand sie bei Überfällen zu deren Schutz bereit. Des weiteren war die Burg ohne Bewohner der Umgebung nicht genügend zu verteidigen. So war eines von dem anderen abhängig. Für den im Notfall zu genießenden Schutz mußten die Dörfer Dienste zur Befestigung der Burg leisten und diese mit Lebensmitteln versehen. So bekam jede landesherrliche Burg einen bestimmten Schutz- und Pflichtbezirk. Als dann Geldsteuern üblich wurden, war die Burg Hebungsplatz und der Vogt der Steuerheber.

Zur Bewirtschaftung des Vorwerks hatten die Amtsuntertanen Hand- und Spanndienste[16] zu leisten. Zum Rendsburger Vorwerk gehörte auch Ackerland. Während andere Dörfer das Feld zu pflügen hatten, mußten Borgstedt und Lehmbek das Korn einsäen und zusammen mit 10 Leuten aus Büdelsdorf das Getreide nach dem Mähen einhocken. Andere fuhren das Korn ein. Borgstedt, Lehmbek, Fockbek und Nübbel legten die Garben auf dem Boden zurecht und hatten nach dem Dreschen das Stroh wieder auf den Boden zu schaffen.

Borgstedt Lehmbek und sieben weitere Dörfer hatten die Winkelwiese zu mähen, das Gras zu trocknen und das Heu einzufahren. Dazu gehörte auch, die Einfriedigung der Äcker und Wiesen instand zu halten.

Zu ihren Aufgaben zählten außerdem der Bau von Wegen und Brücken sowie deren Unterhaltung. Vom Kriegsdienste waren sie befreit. Die Borgstedter Bauern wurden vorzugsweise zu Transportleistungen und beim Ausbau der Rendsburger Burg, später zu den Festungsbauten herangezogen.

Diese Struktur muß bis in das Hochmittelalter bestanden haben.

Das Gebiet trug seit altersher den Namen „Zwischen Schlei und Eider“. Der Name erscheint erstmals im Erdbuch Waldemars II. aus dem Jahre 1231. Die Bezeichnung des Landes deutet auf eine Sonderstellung des Gebietes innerhalb Dänemarks hin, bedingt durch seine Grenzlage. Nach 1325 findet man die Bezeichnung „Zwischen Schlei und Eider“ nur noch in einigen Kirchenbüchern.

Im 12. und noch im 13. Jahrhundert bedeckte nach wie vor der Eisenwald weitgehend unser dünn besiedelte Gegend. Nur wenige Wege führten durch das Dickicht zu den verstreut liegenden Rodungen.

Anfangs beschränkten sich die Bauern darauf, Ackerland durch Roden der Urwaldes zu gewinnen. Außer dem Wald war auch die Heide verbreitet.

Die Bewohner gingen erst später daran, Flüsse einzudeichen, Sümpfe trocken zu legen, Moore urbar zu machen und Heideflächen unter den Pflug zu nehmen. Die Beziehung der Siedler zur Landschaft fand ihren Niederschlag in den Orts- und Flurnamen wie beispielsweise Exwisch oder Holtwisch. Die Flurname ermöglichen es uns heute, unter anderem, die Bodenbedeckung und Rodungstätigkeit in den vergangenen Zeiten grob zu erkennen. Von den um 1600 benutzten Flurnamen sind kaum mehr als die Hälfte heute noch in Gebrauch.

Da Borgstedt seit dem 12. Jahrhundert zu dem vormaligen Krongut[17] Rendsburg gehörte, gab es auch in der Umgebung Rendsburgs kaum Großgrundbesitz, sondern hier hatte sich eine bäuerliche Kleinwirtschaft in Einzelhöfen gehalten. Was man benötigte, erzeugte man selbst. Aber eine wirtschaftliche Anbindung Borgstedts an Rendsburg als Marktplatz bestand damals noch nicht. Der nächste adlige Grundbesitz lag in Lehmbek. Der germanische Adel (Landadel) setzte sich ursprünglich aus freien Erbbauern, die über bebaubares Land und die darauf arbeitenden Menschen verfügten, und durch Leistung an die Spitze der Gefolgschaft aufgerückten freien Kriegern zusammen, die sich schließlich zu einer durch Besitz und Macht ausgezeichneten Herrenschicht konstituierten

Der Adlige[18] wohnte ursprünglich im Dorf und besaß dort eine oder mehrere Hufen, deren Gebäude sich von denen der Bauern unterschieden. Er umgab sie gern mit Wall und Graben und versuchte seinen Besitz durch Kauf, Tausch oder Willkür zu vergrößern. Oft verwüsteten Krieg und Seuchen die Gegenden- oder der Landesherr wies dem Adel Strecken zum Urbarmachen zu.

Das Geld spielte schon in damaliger auch in der Politik Zeit eine Rolle. Die Landesherren brauchten für die Aufrüstung und Kriegsführung Geld.[19] Sie vergüteten, sofern Bares nicht vorhanden war, beides dem Adel durch Zuweisung von Ländereien. Auch die Kirche benötigte Geld, das sie sich durch Verpfänden von Besitzungen an den Adel beschaffte. Der Adel mehrte somit nicht nur seinen Besitz, sondern auch seinen politischen Einfluß.

Es klang schon mehrfach an, daß das Land von dichtem Wald bedeckt war. So schloß damals der Verkauf einiger Hufen in Borgstedt 1353 Holzungen[20] mit ein. Damals besaß die adlige Familie „von Wisch“ – lateinisch „de Wisch“ genannt - einige Hufen im Dorf. Nicolaus von Wisch war im Schleswiger Herzogtum begütert, denn am 09. Februar 1375 bestätigt Graf Nicolaus von Holstein, daß jener dem Grafen Heinrich II.[21] Grundbesitz im Dorfe Borgstedt verkauft habe[22]. Über den Verkauf gibt es eine Urkunde[23] in der Borgstedt erstmals schriftlich erwähnt wird.

Die relative politische Ruhe der vergangenen beiden Jahrhunderte näherte sich um 1300 dem Ende. Niemand hat aufgeschrieben, was der Bevölkerung Rendsburgs und der Umgebung in dieser Zeit widerfahren ist. In einer Hamburger Chronik sind jedoch Angaben über Hunger und Seuchen, die ganz Norddeutschland betroffen haben. Und Borgstedt wird davon kaum ausgenommen worden sein. Mißernten und die Pest waren die schlimmsten Geißeln der damaligen Zeit. Das Leben damals war alles andere als eine Idylle.

Wie gering die Erträge[24] damals waren kann man erst ermessen, wenn man die heutigen Ernteerträge, abhängig von der Bodenqualität, dagegen hält.

Es wundert niemanden, wenn unter diesen schwierigen Bedingungen in den Jahren zwischen 1300 und 1500 in ganz Mittel- und Nordeuropa die Bevölkerungszahlen stark rückläufig waren. Zahllose Bauerstellen waren verlassen, viele Dörfer gingen ein. Auf der Gemarkung Alt-Duvensedt, an der Grenze zu Borgstedt hin, lag einstmals Schulendorf. In den Gettorfer Amtsrechnungen wird es noch 1587 erwähnt.

Der Grund für die Mißernten lag in der Klimaveränderung zur damaligen Zeit, die zu einer, wenn auch geringfügigen aber dennoch, unheilvollen Abkühlung der Durchschnittstemperatur führte.

Im Gegenzug zu der allgemeinen Entvölkerung wanderte in den Jahren 1345 bis 1400 der Adel verstärkt in unser Gebiet ein. Nach 1345 zogen die holsteinischen Adligen geradezu in Scharen über die Eider. Adelsbesitz war zudem als Gegenleistung für Kriegsdienste von Steuern und Abgaben befreit. Mit Getreide,- und Viehhandel, Kriegsdiensten, Lösegeldern für Kriegsgefangene, Raub und Plünderungen hatten die nordelbischen Herren genügend Geld verdient, um sich in Schleswig und im übrigen Dänemark einzukaufen. Sie betrieben auch einen florierenden Immobilienhandel Gebiete werden getauscht, verpfändet und vererbt. Ende 1325 sind die holsteinischen Grafen die größten Grundbesitzer zwischen Schlei und Eider, wenn es sich auch nur um Streubesitz gehandelt hat.

In diese Zeit gehört auch die erste schriftliche Erwähnung des Dorfes (02. Februar 1375) in Zusammenhang mit Grundstücksgeschäften.

Die Kalandbruderschaft an der Rendsburger Marienkirche besaß in Borgstedt ebenfalls Land, von dem sie 1378 drei Hufen zur Stiftung einer Vikarie zur Verfügung[25] stellt. Nach heutigen Begriffen wurde aus der Verpachtung eine Pastorenstelle finanziert.

In der Grenzregion[26] an der Eider reagierte man sehr sensibel auf das politische Geschehen zwischen Dänemark und dem Deutschen Reich. Die Frage, wo gehören Schleswig und Holstein politisch hin, wurde von Fall zu Fall, damals nie, sondern erst 1864 endgültig beantwortet. Mit dem Vertrag von Riepen (05. März 1460) sollte die Region politisch stabilisiert werden. In dem Vertrag wurde festgelegt, daß Schleswig dänisches Lehen blieb, Holstein deutsches. Aber in der Praxis wurden beide als Einheit regiert und erhielten einen gemeinsamen Rat. Den Vertrag schlossen Ritter und Lehnsherren mit ihren Landesherren.

Für die Bürger des Landes war es unbedeutend, von wo ihr Herzog, Graf oder sonst ein Herrscher das Land regierte. Die Steuern mußten nach wie vor entrichtet werden. Die Machtkämpfe spielten sich nicht auf nationaler ebene ab, sondern wurden zwischen den rivalisierenden Fürstenhäusern ausgefochten. Diese Machtkämpfe gingen glücklicherweise an Rendsburg und seinem Umland vorbei.

Die politischen Ereignisse bescherten unserer Region vorübergehend Ruhe, das bedeutete soviel wie „keinen Krieg“ und damit auch keine Plünderungen oder zusätzliche Kriegssteuern in größerem Ausmaß. Dennoch verschoben sich die Herrschaftsverhältnisse zwar langsam aber stetig und zu Ungunsten der Schleswig-Holsteiner.

Im Spätmittelalter[27] gingen die Bindungen zwischen Rittern und Lehnsherren verloren. An die Stelle der Lehnpflichten traten geschäftliche Beziehungen. Die Ritter leisteten Kriegsdienste gegen Entlohnung oder gegen Beteiligung an der Beute. Im übrigen nahmen sie sich das Recht, Kleinkriege zu führen, sie überfielen Städte und plünderten Kaufmannszüge. Raub oder Kriegsführung, dazwischen gab es kaum Unterschiede. So wurde auch Rendsburg und seine Umgebung von holsteinischen Raubritten als Pfand besetzt. Auch dies war für die Bevölkerung keine angenehme Situation, doch sie hinterließ für unsere Region, soweit bekannt, keine bemerkenswerten Schäden. Das Dorfleben behielt seinen gewohnten Rhythmus, der von der Landwirtschaft bestimmt war.

Das Kulturlandschaftsbild im Mittelalter[28] war vielgestaltig - ein Mosaik aus Acker-, Weide- und Wiesenflächen unregelmäßig durchsetzt von Niederwäldern und Gebüschen. Weite Landesteile waren noch von unkultivierten Mooren und Heideflächen bedeckt

Nach der Gründung eines Dorfes wurde das Ackerland unter den Hufnern[29] aufgeteilt worden. Sie waren Erbpächter. Vermutlich nahmen die Ritter die Verteilung vor.

Die Dorfstraße um 1835

Da es damals in Borgstedt 4 Vollhufner und 4 Halbhufner gab, war jedes Gewann (Kamp) in 8 Streifen eingeteilt.

So hatte jeder guten und weniger guten, fruchtbaren und nicht so ertragreichen Boden. Da ackerfähiges Land knapp war fielen die Streifen sehr schmal aus. Daher verzichtete man auch auf die Anlage eines Wegenetzes. Um auf den eigenen Streifen zu gelangen, mußte die Bauern in den meisten Fällen die Parzellen mehrerer anderer Eigentümer überqueren. Um auf den Parzellen der anderen, die vielleicht gerade gepflügt hatten, keinen Schaden anzurichten, mußten alle pflügen. Das bedeutete, daß alle Arbeiten gemeinschaftlich durchgeführt werden (Flurzwang) mußten.

Der Dorfhirte hatte aufzupassen, daß das Vieh nicht auf die bestellten Felder lief. Die Dorfschläge wurden seit Jahrhunderten nach dem System der Dreifelderwirtschaft bestellt: Wintersaat, Sommersaat und Brache wechselten einander ab. In der Borgstedter Gemarkung gab es zu damaliger Zeit kaum noch nennenswerte Holzungen.

Gegen Ende des Jahrhunderts[30] ging die Regierung in Kopenhagen daran, das für sie wichtige Rendsburg zur Festungsstadt auszubauen. Die Besatzung der Festung bestand aus Söldnern, die sich in der engen Stadt wie in einem Gefängnis fühlten. Desertierungen waren daher häufig.

Wenn nach dem Zapfenstreich jemand vermißt wurde, forderte ein Kanonenschuß die Bauern aus der Umgebung auf, den Flüchtenden zu suchen.

Für dessen Ergreifung war eine Belohnung ausgesetzt. Die Jagd auf Deserteure wurde für die Bauern zu einem „Erwerbszweig“. Aber der Status einer Festungsstadt bedeutet für die zum Festungsbereich gehörenden Dörfer, auch für Borgstedt, daß deren Einwohner wie in der Vergangenheit auch schon, zur Abgabe von Steuern und Dienstleistungen verpflichtet waren.

Die Rendsburger Straße um 1950

Das Heberegister für Borgstedt weist für die am Neujahrestag 1585 fälligen Steuern und Abgaben folgende Daten aus:

Vollhufner Lentzing, Johann > später Ehlers

Vollhufner Syde, Ratke > später Naeve

Vollhufner Syde, Hans > später Rathje

Vollhufner Sievers, Johann > später Lensch, Bielfelde

Halbhufner Thöming

Halbhufner Suer, Rolef > später Mohr

Halbhufner Thöming, Carsten > später Haar

Halbhufner Lentzig > später Pahl

Inste Thöming, Peter > Diekshof

Der Ausbau Rendsburgs[31] zu einer Festung erforderte nicht nur Dienstleistungen, sondern auch Baumaterial, insbesondere Ziegelsteine und Kalk. Beides sollte auch nochmöglichst günstig in die Festung transportiert werden. Dazu waren die Hufner verpflichtet. So entstanden in Lehmbek und Rade Ziegeleien und in Borgstedt eine Kalkbrennerei.

Anmerkungen

[1] Heimatbuch Eckernförde Band. 1

[2] Karl Müller „Rendsburg / Wachstum und Wandlungen“ 1961

[3] Ernst Propst / „Deutschland in der Bronzezeit“ / S. 218 ff.

[4] Unterlagen des Arch. Landesamtes

[5] OFFA / Berichte und Mitteilungen zur Urgeschichte, Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie Bd. 45

[6] Aus einer mittleren Zahl von 5000 Urnen und einer Belegungsdauer der Nekropole von etwa 500 Jahren folgt eine Mortalitätsrate Sterbefälle) von 5000 Bestattungen : 500 Jahre = 10 Bestattungen pro Jahr (M-Rate). Die Lebenserwartung von 25 bis 30 Jahren ergibt eine Lebensgemeinschaft von 25 /30 x 10 M-Rate= 250 bis 300 Personen, die in der Siedlung „Borgstedt“ gelebt haben dürften, eher weniger.

Die Einwohnerzahl setzt eine stetige Belegung des Urnenfeldes voraus. Das dürfte mit Sicherheit nicht gegeben sein. Anzunehmen ist, daß die Bestattungsfolge von etwa 300 n. Chr. zugenommen hat, denn die Urnen standen sehr eng und sogar ineinander. Die ersten Urnen sind weit vor dieser Zeit hier beigesetzt worden. Daraus folgt ein stetiges Bevölkerungswachstum in der unmittelbaren Umgebung Borgstedts.

[7] Tacitus, Publius Cornelius (um 55 bis ca. 115 n. Chr.), römischer Geschichtsschreiber, wahrscheinlich in Rom geboren

[8] Die Dänen, die ursprünglich im Süden Skandinaviens lebten, eroberten im 5. und 6. Jahrhundert Jütland, die benachbarten Ostsee-Inseln und bildeten seit dem 8. Jahrhundert eine starke Zentralmacht.

[9] Die Textpassage stammt aus einer nicht mehr bestimmbaren Quelle

[10] Rendsburg und der alte Eiderkanal / Nuß-Verlag

[11] Heimatbuch Eckernförde.

[12] Das älteste, aus drei Wällen bestehende, System ist nach neueren Forschungen auf 737 datiert.

[13] Die Siedlung Borgstedt mag damals vermutlich zu unbedeutend gewesen sein, um namentlich in der Urkunde erwähnt zu werden

[14] Heimatbuch Eckernförde

[15] Gräberfeld / Müller-Wille

[16] Heimatbuch des Kreises Rendsburg

[17] Hoop / Geschichte Rendsburgs / S. 64 / 68

[18] Wulf / Chronik Lehmbek

[19] Im Römischen Reich fanden Münzen ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. Verwendung. Das römische Münzsystem mit Gold, Silber und Kupfer als Münzmetall wurde auch im Byzantinischen Reich benutzt, allerdings verflachten die Münzen in ihrer Ausdrucksform. Im 7. Jahrhundert ging man von der Gold- zur Silberwährung über. Unter den Karolingern wurde der silberne Denar die Hauptmünze

[20] SHRU IV,Nr.601

[21] Heinrich II. († um 1384) war der Sohn des Rendsburger Grafen Gerhard III., des Großen (†1304)

[22] LAS (Landes-Archiv-Schleswig) Urk. Abt. 1 Nr. 308

[23] Der Wortlaut der Urkunde ist als Übersetzung der Anlage beigefügt*

[24] Bei gutem Boden erntet man heute sogar das 100. Korn

[25] SHRU VI 1, Nr.191

[26] Hoop / Geschichte der Stadt Rendsburg / S.91

[27] Hoop / Geschichte der Stadt Rendsburg / S. 92

[28] Holzbunge / Lebensraum Zukunft

[29] Hufner, Eigentümer einer Hufe (Steuermaß)

[30] Hoop / Geschichte der Stadt Rendsburg

[31] Wulf / Chronik Lehmbek

 

* Wortlaut der Verkaufsurkunde vom 09. Februar 1375

Übersetzung von Rüdiger Stephani

Nicolaus, von Gottes Gnaden, Graf von Holstein und Stormarn, bestätigt allen, die das vorliegende Schriftstück vor Augen haben, daß er um das gesundheitliche Wohlbefinden beim Eigentümer -Nicolaus von Wisch- und die Wahrhaftigkeit der Leistung wisse.

Alle wüßten, daß im Jahre des Herrn 1375, sechs Tage nach dem Feiertag der Jungfrau Agathe, in Rendsburg in Gegenwart von uns und mehreren Vertrauenswürdigen, nämlich in Gegenwart der Ritter (Soldaten) Benedictus von Alvelde, Nicolaus Krumendik, genannt Meseke und in Gegenwart von Borchardus von Itzehoe, ebenfalls in Gegenwart der Offiziere (Waffenträger) Ywano Krumendik, genannt Stauerbus, Johannes Korn und Magnus Bote – der ehrenhafte und berühmte Diener Nicolaus von Wisch freien und ehrlichen Willens dem adligen Gebieter, dem Herrscher Heinrich, Graf von Holstein und Stormarn, unserem hochgeschätzten Bruder und seinen wahren Erben gegenüber – sich noch einmal ins Gedächtnis zurückruft, daß er seine Besitzungen in Borgstedt mit allen ihren dazugehörenden und angrenzenden trockenen und feuchten, bebauten und unbebauten Feldern, Gewässern, Wiesen, Weiden, Wäldern mit geradezu jedem Vorteil und mit jeglichen anderen einzelnen Besitzungen, wie auch immer man sie benennen möchte, verkauft hat.

Diese oben genannten Besitzungen nämlich hat selbiger Nicolaus selbigem Gebieter Heinrich, unserem Bruder und seinen Erben, nach dänischem Brauch hinterlassen und aus freien Stücken hat er dauerhaft auf ihren Gebrauch als sein Eigentum verzichtet und ruft sich noch einmal ins Gedächtnis zurück, daß er den vollen Preis für die selbigen Besitzungen vermindert hat, und er verzichtet auf jegliches Recht, das ihm und seinen Erben hinsichtlich der oben genannten Besitzungen oder hinsichtlich irgendwelcher anderen oben genannten Besitzungen zustehen könnte.

Das vorliegende schriftliche Zeugnis ist aufgrund von dessen –Nicolaus von Wisch- Anerkennung in Gegenwart von uns und im Vertrauen auf das Gesagte mit den Siegeln der Würdenträger versehen worden.

Verfaßt und verhandelt im Jahr, am Tag und Ort in Gegenwart der oben genannten Personen.“

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