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Militärische Einrichtungen in und um Borgstedt (Johannes Witt)

Kiels Straßen sahen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus, als hätte ein überdimensionierter Schneepflug Trümmer beiseite schiebend eine leidlich freie Spur hinter sich gelassen. Rechts und links davon Ruinen. Blickte man genauer durch sie hindurch, erkannte man, wenn man die Brutalität des Krieges dabei übersah, etwas, das wie ein Vorgriff auf die erst recht viel später folgende moderne Kunst wirkte: In den toten Fensterhöhlen eines mehrstöckigen Hauses schwebte hoch oben vor tiefblauem Himmel am Fallrohr wie an einem dünnen Zwirnsfaden hängend eine Badewanne.

Kaum dreißig Kilometer davon entfernt ein Dorf: Borgstedt. Sonnenbeschienen döste die Dorfstraße vor sich hin. Schmucke kleine Häuser, größere Gehöfte, etwa 500 Einwohner. Der Rhythmus der Landwirtschaft bestimmte den Tagesablauf. Ein Bild tiefsten Friedens. Hier schien der Begriff „Krieg“ ein unbekanntes Fremdwort zu sein. Doch es schien nur so. Auch hier hatte der Krieg Väter und Söhne dahingerafft. Doch die Felder wurden dennoch wie eh und je bestellt. Aber neben dieser ländlichen Idylle versteckten sich hier auch militärische Anlagen.

Auflieger

Die zunehmende Bombardierung deutscher Städte und militärischer Anlagen sowie die Minensperren auf seewärtigen Schifffahrtsstraßen vor der deutschen Küste führten dazu, dass schwimmende Geräte und Handelsschiffe kaum noch in See gingen und in weniger gefährdete Wasserstraßen verlegt wurden. Der Borgstedter See zählte dazu. Hier versammelten sich gegen Kriegsende zahlreiche Auflieger. Es waren Frachter und Fahrgastschiffe, die alle verfügbaren Ankerplätze ausfüllten. Einige Schiffe mussten wegen fehlender Ankermöglichkeiten auf den Strand gesetzt werden. Vor Lehmbek schoben drei Schiffe ihren Vorsteven weit in Schilfgürtel hinein, die flache Uferböschung hinauf. Des Weiteren lagen entlang des Eiderufers an Pfählen vertäut Bagger, Schuten und Geräte für den geplanten Erweiterungsbau[1] des Nord-Ostsee-Kanals an. Sie gehörten normalerweise in den Werfthafen von Rendsburg-Saatsee. Dort aber wären sie ihrer großen Zahl wegen ein lohnendes Ziel der alliierten Bomber gewesen. Daher wurden sie in der Eiderenge verteilt.

Die Wohnungsnot, ausgelöst durch den Strom der Vertriebenen und Ausgebombten, führte dazu, dass alles, was irgendwie zum Bau einer Unterkunft geeignet war, von den ankernden Schiffen demontiert und an Land gebracht wurde. Es diente fortan als beheizbare Behausung. Denn an Bord ließ sich eine Notheizung ohne Werkzeug, Sachkenntnis und Material nicht installieren. So stand beispielsweise ein ganzes hölzernes Brückenhaus neben anderen Hütten an der Uferböschung bei Lehmbek. Auf den Baggern und Spülern wohnte die reguläre Besatzung mit ihren Familienangehörigen.

U-Boot-Dock

Unübersehbar vor der Rader Insel, Lehmbek gegenüber, überragte die Silhouette des U-Boot-Docks alle größeren Gebäude auf der Insel. Das Spezialdock lag auf der Höhe des ehemaligen Verwaltungsgebäudes des Kokswerkes Lehmbek gegenüber in der Mitte der Eider an einem Steg. Jedes U-Boot wurde nach seiner Fertigstellung einem Drucktest unterworfen. Damit wurde seine Festigkeit für die vorgesehene Operationstiefe überprüft. Da Wassertiefen von 300 Metern und mehr im deutschen Küstenbereich nicht anzutreffen sind, erfolgten die Drucktests in einem Druckdock. Das zu untersuchende U-Boot fuhr in einen verschließbaren Rohrtunnel ein, in dem Pumpen für die simulierte Tauchtiefe sorgten.

Zwei Flakbatterien schützten das Dock gegen Luftangriffe. Eine stand auf der damals viel höheren, inzwischen abgetragenen Kuppe auf Lehmbeker Seite an der Stelle, an der heute die Wehrtechnische Dienststelle ihren Sitz hat. Die andere Batterie befand sich genau gegenüber auf der Rader Insel, ebenfalls auf einer Anhöhe vor dem Inselhof. Das Dock wurde von der Royal Air Force zwar überflogen, aber nie angegriffen.

Das Dock lag auch nach Kriegsende nicht ganz „funktionslos“ an seinem Platz, denn in dem kalten Winter 1946 diente es halbgeflutet den Jugendlichen aus der Umgebung als Eislaufhalle und ansonsten als Beschaffungsquelle für rare Anlagenteile und Materialien aller Art, beispielsweise Elektromotoren, Kupferkabel und ähnliches.

Weiter westlich am heutigen Treidelweg, dort, wo jetzt in etwa das Haus Treidelweg Nr. 13 steht, befand sich ein Schießstand. Die Schießbahn reichte senkrecht vom Treidelweg fast bis an die nach Lehmbek führende Straße. Eine große Mauer schloss die tief eingelassene tannenbestandene Schlucht ab. Dort wurde mit scharfem Schuss geübt. Im Rendsburger Tageblatt hieß es beispielsweise: „Am Sonntag, den 14. Mai 1944 wird dort durch den SA-Sturm 27/86 das SA-Wehrschießen durchgeführt. Jeder wehrwillige Mann hat es als Ehrenpflicht zu betrachten, sich am Schießen zu beteiligen. Das Schießen erfolgt in der Zeit von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr.[2]

Bollwerk

Unweit des Schießstandes, etwa 100 Meter westlich, befand sich am Ufer eine Verladestelle, das Bollwerk. Nach der Kapitulation lagen hier über einen längeren Zeitraum Minenräumboote der ehemaligen Kriegsmarine mit ihren Stammbesatzungen. Diese und andere Schiffe, so genannte Sperrbrecher[3], räumten unter britischem Kommando, der „German Mine Sweeping Administration“, die zahlreichen Minensperren in Nord- und Ostsee.

Halle

An der Uferseite der heutigen Straße Hohenort/Tränkeweg steht jetzt noch eine aus Kalksteinen erbaute Baracke, damals Steinbaracke genannt. Quer dazu war eine Halle angegliedert, in deren Mitte eine Slippanlage eingelassen war. Den Erzählungen nach sollten hier kleinere Schiffsrümpfe aus Beton hergestellt werden. Die dafür erforderliche Kiesgrube lag unmittelbar auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Offensichtlich hatte die Produktion der Rümpfe gerade begonnen. Ein fertiger Bootsrumpf dümpelte bereits auf dem Wasser.

Nach Kriegsende sollte die Borgstedter Feuerwehr die Halle beziehen. Die musste das Angebot ablehnen, da die Auffahrt von der Halle sich für das Feuerwehrauto als zu steil erwies. Die Halle wurde später abgerissen. Geblieben ist die angrenzende Steinbaracke.

Entmagnetisierung

Die heutige Straße Hohenort gehörte damals zum militärischen Sperrgebiet. Hier am Eingang des Audorfer Sees arbeitete die EMG (Entmagnetisierungsgruppe). Auf dieser Forschungsstelle befasste man sich insbesondere mit neuen Verfahren zur Ermittlung der magnetischen Schiffsfelder als Abwehrmaßnahme gegen magnetisch sensible Minen. Die Forschungsstelle in Borgstedt arbeitete mit den Labors in Metzingen und in Paris sowie mit einer Reihe von unterstützenden Instituten an Universitäten in Deutschland zusammen.

Die Vermessung der Schiffe erfolgte ursprünglich in den alten Schleusen in Holtenau. In der Hauptsache waren es U-Boote und S-Boote. Da die Dienststelle jedoch mehrfach ausgebombt wurde, bezog sie ihre neue Bleibe in Borgstedt, Hohenort. Vor Hohenort musste zuvor die Eider für die Vermessung der Marinefahrzeuge erheblich vertieft werden. Das Spülgut füllte die Eiderbucht vor dem Steinberg auf. Das Spülfeld am Treidelweg entstand. Die Messstrecke selbst ragte als lange Dalbenreihe in den Audorfer See hinein. Die langen Pfähle (Tannen) für die Dalben mussten aus dem Schwarzwald herangeschafft werden. Während die Marineschiffe eingemessen wurden, wohnten die Mannschaften in den Marinebaracken am Borgstedter Eiderufer vor Hohenort.

Die EM-Stelle an der Eider bei Hohenort war der Kriegsmarine viel zu wichtig, um sie ohne Luftabwehr zu lassen. Auf der Koppel oberhalb der Marine-Baracken standen daher drei Flakbatterien. Über die Flak-Batterie bei Hohenort wird folgendes Ereignis berichtet:

Der Krieg geht langsam zu Ende. Eines Nachmittags fliegt in geringer Höhe ein einzelner britischer Bomber, von der Frühwarnung unbemerkt, von Rendsburg kommend Hohenort an, ohne dass vorher Alarm gegeben wurde. Ein Borgstedter dient dort als Flak-Soldat. Er sieht den Bomber und stürzt, ohne Feuerbefehl an die 2-cm-Flak, feuert und trifft. Der Bomber muss notgedrungen seine Bombenlast abwerfen. Die detonierenden Bomben reißen nur gewaltige Bodenmengen auf der Koppel hoch und wirbeln Erde und Steine durch die Luft. Der Bomber fliegt sehr tief über das Dorf weiter in Richtung Schirnau und Sehestedt und muss dort abgestürzt sein. Vom Schicksal der Besatzung ist nichts bekannt. Bekannt ist jedoch, dass der Schütze ernsthaft gerügt wurde, weil er ohne Befehl gefeuert hatte.

Die magnetische Vermessungsanlage arbeitete nach der Kapitulation weiter im Auftrag der Royal Navy im Rahmen der Minenräumung. Nachdem die meisten Minen geräumt worden waren, wurden nach und nach die EM-Stellen geschlossen, die Dalben verschwanden als Brennmaterial und die Baracken dienten über lange Jahre den Vertriebenen als Unterkünfte.

Der Standort für die Magnetik blieb auch für die damalige Bundesmarine attraktiv; sie richtete 1968 ihre Dienststelle für Wehrmagnetik in Lehmbek ein; es ist die heutige „Wehrtechnische Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen“.

Etwa 300 Meter östlich der Eckernförder Chaussee in Richtung Rickert stand am Trigonometrischen Punkt eine Scheinwerferstellung. Sie gehörte zur Rendsburger Luftabwehr.

Kriegsschäden

Auch in Borgstedt gingen Bomben herunter. Glücklicherweise waren es wenige, vermutlich Notabwürfe nach Flaktreffern. Eine Bombe verfehlte das damalige Wasserwerk nur knapp. Aber die auf der gegenüberliegenden Koppel stehende Kate wurde durch den Detonationsdruck eingedrückt, teil-repariert, später zu einer Schlosserwerkstatt umgebaut und 1952 abgerissen. Eine zweite Bombe ging hinter dem Haus Rendsburger Landstraße Nr. 28 am Rande einer kleinen Tannenschonung nieder, richtete zwar keinerlei Schaden an, hinterließ jedoch einen Trichter, der den Kindern später beim Rodeln als willkommene Sprungschanze diente. Eine dritte Bombe schlug nachts hinter dem Haus Treidelweg Nr. 22 ein. Das sumpfige Gelände dort verschluckte die Detonation völlig. Anders wirkte sich der vierte Bombenabwurf über den Wiesen von Winkelhörn aus. Ein Bombentrichter lag mitten auf der Straße, so dass der Weg für die Milchwagen – die Milchkühe standen dort auf der Weide – für längere Zeit unpassierbar war und Umwege für den Milchtransport erzwang.

Nachkriegszeit

Schleswig-Holstein war damals das prozentual am meisten munitionsverseuchte Land Deutschlands, weil sich die noch voll ausgerüsteten Wehrmachtseinheiten vor den vorrückenden Alliierten hierher zurückgezogen hatten und am Kapitulationstag, 8. Mai 1945, ihre Munition einfach fortwarfen, vergruben, in Dorfteichen, Flüssen, Seen und Küstengewässern versenkten. In der Borgstedter Enge[4] am Kanal wurden beispielsweise an einer einzigen Stelle 18 Wasserbomben geborgen. Es liegt auf der Hand, dass insbesondere die Kinder durch diese Kriegsrelikte einer großen Gefahr ausgesetzt waren. Unfälle gab es glücklicherweise aus diesem Anlass zwar keine, aber Unfug wurde mit der gefundenen Munition dennoch getrieben.

Im Verlauf der folgenden Wochen und Monate lichteten die aufgelegten Schiffe die Anker und verließen zügig die Borgstedter Enge, auch das U-Boot-Dock.

Etwa ein Jahr später nahmen die Spüler ihren Betrieb an entfernteren Baustellen wieder auf und verließen als letzte Einheiten ebenfalls ihre Liegeplätze.

Heute erinnert nichts mehr an die Stellen der damaligen militärischen Vergangenheit des Dorfes. Der Frieden kehrte wieder, die Landwirtschaft bestimmte jedoch nicht mehr den Tagesrhythmus.

[1] Bereits 1938 lag ein Entwurf vor, den Kanal ein zweites Mal wesentlich zu verbreitern und zu vertiefen. Aus diesem Grunde wurden Baugeräte zusammengezogen und Unterkünfte für die Bauarbeiter erbaut. Das Lager Schirnau entstand aus diesem Anlass / Chronik des WMA Rendsburg / Akten des WSA Holtenau.

[2]Rendsburger Tageblatt vom 12.5.1944.

[3]Sperrbrecher waren zum Hilfskriegsschiff umgebaute Handelsschiffe, die u. a. magnetisch zündende Minen durch eine eigene, künstlich verstärkte Magnetwirkung vorzeitig zur Detonation brachten, ohne dabei ihre eigene Schwimmfähigkeit einzubüßen.

[4]Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde, 1986, Jg. 44, S. 83.

Aus dem Jahrbuch 2007 Heimatgemeinschaft Eckernförde, Hütten, Schwansen, Dänischer Wohld - 65. Jahrgang – Seite 337-342

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